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Ich bin stolz auf meine Kirche, weil sie knapp bei Kasse ist.

Zwar kostet es Kraft und saugt Begeisterungspotentiale ab: Wohin man in der Kirche schaut, findet man Sorgen und finanzielle Engpässe. Burn-out, Kündigungen und nervöse manchmal entkräftete Menschen begegnen uns. Begeisterungen machen oft den Anschein des Unechten und Gewollten. Die Infrastruktur unsere Kirche ist überall „auf Kante genäht“. Aber das Leben ist unberechenbar. Darum reißen manche Nähte leicht.

Zugleich nehme ich über die (nicht-kirchlichen) Medien wahr: So viele Kirchensteuereinnahmen wie zurzeit gab es noch nie. Aufmerksame Zeitgenossen, die Bilanzen lesen können, weisen uns auf diesen Widerspruch hin. Sie gehören meist zu der Gruppe von Menschen, die in der Regel viel Kirchensteuern zahlen, außer, sie sind bereits aus der Kirche ausgetreten und sparen sich auf diese Weise den kirchlichen Solidarbeitrag. Manche stellen uns unter Generalverdacht der Prasserei und rufen uns von Ferne zu: „(Franz-Peter) Tebartz-van Elst lässt grüßen!“, wenn sichtbar Geld ausgegeben wird, um kirchliche Gebäude zu errichten.

Gern wäre ich von „meinen eigenen Leuten“ auf diesen Widerspruch aufmerksam gemacht worden und hätte dies geschwisterlich miteinander besprochen.

Aber nichtsdestotrotz: Ich bin stolz auf meine Kirche, weil sie knapp bei Kasse ist. Ganz im Ernst.

Geld Verwaltung

Doch um diese Solidarität begründen zu können, muss schon ziemlich genau in Vergangenheit und Gegenwart geforscht werden.

Ich erinnere mich an die 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Ich studierte gerade Theologie. Massenarbeitslosigkeit, die im ganzen Jahrzehnt stetig zunahm, verunsicherte Menschen und Gesellschaft. Unsere Kirche handelte in dieser Situation menschlich, antizyklisch und im Sinne einer Gesellschaftsdiakonie, indem sie viele neue und unbefristete Arbeitsplätze schuf. Ich bin stolz darauf, dass unsere Kirche zu diesem mutigen Schritt, der langfristige finanzielle und arbeitsrechtliche Verpflichtung nach sich zog, fähig war.

Zugleich beobachtete unsere Kirche, dass unsere Gesellschaft sich immer weiter "ausdifferenziert". Es gab immer mehr gesellschaftliche Untergruppen. Unsere Kirche entschloss sich, da mitzumachen, um die Menschen dort aufzusuchen, wo sie eben nun mal sind. So wuchs die sehr personalintensive Zielgruppenarbeit der Evang.-Luth. Kirche in Bayern. Das ist bewusst gestaltete Volkskirche. Das hat seinen Preis.

In den 90er Jahren fing es schon an, dass die Auswirkungen dieser Entscheidung deutlich wurden. Sachkostenzuschüsse fingen an schwieriger zu werden. Baumaßnahmen wurden gestreckt. Wo es rechtlich möglich war, nahm die PfarrerINNENschaft finanzielle Einbußen in Kauf. Statt Neueinstellungen gab es seither vermehrt Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Stellenteilungen. Zugleich hielt man daran fest, dass die Diakonie ein Teil der Kirche ist und bleibt und darum auch an ihrer Infrastruktur partizipiert. Das passte manchen freien Trägern der Wohlfahrtspflege nicht. Sie fühlten sich benachteiligt. Kirche und Diakonie widersetzten sich, so gut sie konnten, der zunehmenden Ökonomisierung des sozialen Sektors. Das finde ich richtig gut. Richtig gut und verantwortungsvoll finde ich auch, dass unsere Kirche auftretende Engpässe und Unzufriedenheiten mit der Situation nicht durch die Aufnahme von Krediten abfedern wollte. Sie fuhr einen Konsolidierungskurs der Finanzen. Dass sie nur so viel ausgab, wie sie einnahm, war und ist ein Vorbild für die öffentliche Hand und die private und globale Wirtschaft. Wohin blindes Schuldenmachen führt, mussten wir in der Verschuldungskrise der sogenannten Dritten Welt und der Finanzmärkte mit ansehen. Leider. Ich bin stolz auf die gute Haushalterschaft unserer Kirche – auch wenn die Auswirkungen dieser Entscheidungen meine Möglichkeiten als junger Pfarrer auf meiner ersten Stelle eingeschränkt haben und mir z.B. das Weihnachts- und Urlaubsgeld gekürzt wurde.

Im neuen Jahrtausend fasste unsere Kirche einen weiteren folgenreichen und mutigen Entschluss: Sie will die kirchliche Infrastruktur in der Fläche erhalten. Was dies bedeutet, kann nur ermessen, wer das kirchliche Leben auf dem Land schon einmal aus der Nähe wahrgenommen hat. Auf der einen Seite ist es enorm wichtig, Menschen auch fern der Zentren und Metropolen eine soziale, kirchliche und diakonische Heimat zu bieten. Auf der anderen Seite ist dies richtig teuer. Das weiß jeder Finanzfachmann innerhalb und außerhalb der Kirche. Die „Kinder dieser Welt“ ziehen sich vom Land zurück, weil es dort weniger profitabel ist. Unsere Kirche bleibt dort und tut ihr Bestes, vorhandene Strukturen zu erhalten. Das finde ich wirklich beachtlich, auch wenn es meinen damaligen Hoffnungen – ich hatte gerade eine Stelle in einem singulären Citykirchenprojekt inne – zuwider lief.

Unsere Kirche nimmt soziologische und demographische Prozesse wachsam wahr. Ihr ist klar, dass in 10 bis 15 jahren viele in den Ruhestand gehen, die nun Kirchensteuern zahlen oder als PfarrerINNEN arbeiten. Sie bereitet sich jetzt schon darauf vor. Das finde ich verantwortungsvoll und solide. Alle können verstehen, in welcher Situation unsere Kirche sich befindet.

Nichtsdestotrotz darf man auch mit dem "Gemeindebund Bayern", meinem Pfarrerkollegen Wackerbart aus Prien am Chiemsee, dem Religionssoziologen Detlef Pollack Münster und der Frankkfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 25.3.2017 fragen, ob es denn sinnvoll ist, das Geld der Kirchensteuerzahler eher in "funktionale Dienste" über und außerhalb der Gemeinden als in die konkrete Kirche vor Ort und ihre Gebäude zu investieren. Hier sollte auch geistlich gefragt werden, was unsere Berufung, unser Charisma und im gewissen Sinn auch unser Erfolg und Misserfolg bei der konkreten Arbeit ist. Ich zumindest nehme auf vielen Ebenen eine Art Selbstbeschäftigung und eine taperere Bautätigkeit in "potemkinschen Dörfern" wahr. Ich finde, wir sollten auch mutig fragen, wo den eigentlich "tote Pferde" geritten werden - auf allen Ebenen. M.a.W.: Wo sind neben den Prioritäten auch die Posteriotitäten?

Ich trage die Entscheidungen unserer Kirche der vergangenen Jahrzehnte solidarisch mit und versuche mutig, zuversichtlich und froh, das zu tun, wovon ich glaube, dass es unsere Aufgabe und Berufung ist. Wer mitmachen will, ist eingeladen mitzumachen. Ich glaube, dass Gottes Segen uns begleitet. Zugleich ermutige ich auch dazu, endlich darüber zu reden, was wir guten Gewissens sein lassen können. Diese spirituell verantwortete Entschleunigung rechnet damit, dass Gott beides segnet: Das Tun und das Lassen.

Ihr und euer Pfarrer Frank Witzel im April 2017